Interviews

Veröffentlicht am 27.09.2015 von nemesis

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Interview Monster Magnet

Rebellen gegen Konsumterror

Samstagmorgen um 08.00 Uhr ist nicht gerade die ideale Zeit für einen Schreiberling um ein tiefschürfendes Interview mit Dave Wyndorf über das Monster Magnet -Album God Says No
zu machen. Sei’s drum, gelohnt hat sich’s allemal, denn Dave hatte viel zu sagen und so wurde aus vereinbarten 20 Minuten dann doch mehr als eine Stunde…

Red: Hi Dave, wann schläfst du eigentlich, bei dir zuhause müsste es ja jetzt cirka zwei oder drei Uhr morgens sein?
Dave: Weißt du, ich bin sowieso ein Nachtmensch und gehe meist erst gegen Morgen ins Bett.
Red: Geht man nur vom Titel eures neuen Albums God Says No aus, dann könnte man meinen, es hat irgendwas mit Religion zu tun…

Industrie gottgleich?

Dave: Mit Religion im klassischen Sinne hat der Album-Titel überhaupt nichts zu tun. Vielmehr geht es mir / uns darum mal aufzuzeigen, wie sehr sich die Menschen von der Industrie und dem damit verbundenen Konsumterror gängeln lassen. Das kommt schon einer gottabhängigen Hörigkeit nahe. Die wenigsten denken kritisch darüber nach, wie sehr sie sich von dieser Maschinerie aus Werbung, und Bedarfsweckung einnehmen lassen. Irgendein Produkt wird auf den Markt gebracht, ohne dass man es wirklich braucht, aber dir wird (meist erfolgreich) eingeredet, dass es eminent wichtig für dein Wohlbefinden ist. Zwei Monate später aber erklärt man dich zum Idioten, weil eben dieses Produkt nicht mehr in ist.

Das hat schon was mit Religion zu tun, die Kirche – speziell die katholische – sagt ja auch, wenn du nicht dies und jenes tust, dann bist du verloren. Zwar halte ich mich nicht für den Seelenretter an sich, denke aber dass das neue Album meiner Band ein gutes Forum ist um vielleicht den einen oder anderen zum Nachdenken zu bringen. Die 10.000ste Version eines Biker- oder Lovesongs zu schreiben war noch nie mein Ding, das überlasse ich anderen. Monster Magnet stehen schon immer für kritische und abgefahrene Texte und der Erfolg gibt uns recht.

Damokles-Schwert Studio-Termin

Red: Die Produktion von God Says No lief ja nicht ganz ohne Schwierigkeiten ab.
Dave: Das kann man wohl sagen. Wir hatten für März ein Studio gebucht, waren vorher für 15 Monate auf Tour, so dass ich einfach ausgepowert war und alles Mögliche gemacht, nur keine Songs geschrieben habe. Der Studio-Termin kam immer näher und der Druck, neue Songs zu schreiben wurde immer größer. Anfang Februar setzte ich mich dann hin und schrieb 15 Songs innerhalb einer Woche.

Zu der Zeit hielt ich mich bei meiner Tochter im Südwesten der Vereinigten Staaten auf und machte mich auf den Weg zu meinen Jungs nach Red Bank, New Jersey, ein Weg von einigen tausend Kilometern. Mitten in den Staaten wurde mir dann mein Wagen aufgebrochen und sämtliche Tapes mit den neuen Songs, Textbücher und überhaupt alles was beweglich war, wurde mir gestohlen. Wer immer dieser son of a bitch war, er sollte mir besser nicht über den Weg laufen….
Und nochmal auf Anfang

Red: Das heißt, du musstest das ganze Material noch mal schreiben?
Dave: Das sieht auf den ersten Blick recht einfach aus, ist es aber ganz und gar nicht. Ich weiß nicht, ob du selbst schon mal einen Song geschrieben hast, aber du kannst dasselbe Stück nicht noch mal genauso schreiben. Das ist schlichtweg unmöglich. Hinzu kommt, dass ich zwar alles geschrieben hatte, aber so verfestigt hatten sich Text und Musik dann doch nicht in meinem Kopf. Dazu kam das Zeit-Problem, wir hatten, glaube ich, noch knapp drei Wochen bis zum Studiotermin zur Verfügung, keiner der Band kannte meine Songs, die Stimmung war daher recht gereizt.

Die Plattenfirma drängte, ich musste alle erst mal beruhigen. Für mich bedeutete das wieder von vorn anfangen zu müssen, der Druck war größer denn je zuvor. Aber wie du siehst, es hat dann letztendlich doch noch geklappt, und das mit nur zwei Tagen Verspätung. Noch mal möchte ich das aber nicht erleben….

Red: God Says No ist unter diesen Umständen ein sehr starker Nachfolger für Powertrip geworden.
Dave: Danke für das Kompliment. Ich denke auch, dass das, was wir in Vancouver, Kanada, in den Warehouse Studios in knapp zwei Monaten eingespielt haben, ein sehr starkes Album ist und Powertrip in nichts nachsteht.

Psychedelic Rules

Red: Wo siehst du die Unterschiede zum Vorgänger-Album?
Dave: Es ist, wenn du so willst, ein sehr persönliches Album, speziell was die Texte angeht. Ursprünglich sollte es auch musikalisch mehr psychedelisch werden, mit abgefahrenen, schrägen Texten. Aber wegen des Zeitdrucks konnte ich das einfach nicht mehr umsetzen und so ist das Ganze dann doch sehr persönlich geworden. Alles was sich in der vergangenen Zeit in meinem Leben so ereignet hatte, was ich an Erfahrungen gemacht hatte, private Beziehungen und so weiter spiegelt sich in den Texten wieder. Was die Musik anbelangt, so haben wir natürlich nach wie vor unsere psychedelischen Elemente drinnen, aber nicht mehr so ausgeprägt, wie bei den Vorgänger-Alben. Trotzdem ist es typisch Monster Magnet, das wird auch immer so bleiben.

Kein Sklave des Music-Business

Red: Im Titelsong „God Says No“ hältst du ja den Menschen einen Spiegel vors Gesicht, in dem du aufzeigst, wie sehr sie sich von der Werbung vereinnahmen lassen. Nun bist du ja selbst Teil des Musikbusiness, wirst ja auch irgendwie manipuliert?
Dave: Klar bin ich wie jeder andere Musiker in dieser Maschinerie drin, das war mir von Anfang an klar. Dennoch sehe ich mich nicht als Sklave des Music-Biz, habe mir immer meine Eigenständigkeit bewahrt. Das gilt auch für Jon, Joe, Ed und Phil. Ebenso klar ist, dass ich als Künstler auch Erfolg haben will, auffressen lasse ich mich deswegen aber nicht.

Wenn ich zum Beispiel sehe, wie Major-Companies mit Musikern manchmal umgehen, dann kann ich nur hoffen, dass sie eines Tages die Quittung dafür bekommen. Napster scheint mir da auf dem richtigen Wege zu sein. Ich kann nur hoffen, dass Napster den Majors richtig in den Arsch tritt, auf dem besten Wege dahin sind sie ja. Das heißt nicht, dass ich illegale Downloads von sogenannten Fans gut finde, ein Musiker möchte schließlich von seiner Musik leben, hat eventuell Familie, ein Haus und so weiter. Vielmehr sehe ich Napster und Co als Wadenbeißer, der die Majors zum Umdenken veranlassen soll. Dieses Business wird so vom Geld regiert und ist korrupt bis oben hin, das gab es schon immer.

Der liebe Kapitalismus

Das Peyola-Ssytem (Anm. d. Verf.: In den 70ern wurden DJs etlicher Radiostationen in den USA mit Geld geködert, um bestimmte Musik-Produkte in den Charts zu platzieren) funktioniert noch immer. Da machen wir nicht mit, denn unsere Musik ist für Fans gemacht und die sind letztendlich die Leidtragenden. Die Preise für CDs könnten wesentlich niedriger sein, somit würden die Fans auch mehr Produkte kaufen. Jeder jammert, dass die Umsätze in der Musikindustrie in den Keller gehen, warum macht man die Scheiben dann nicht billiger?

Leider haben wir Musiker darauf so gut wie keinen Einfluss. Wenn ich mir den Wust an Veröffentlichungen ansehe, all dieser Pop-Schrott, dann kotzt mich das an. Hier wird geworben und investiert auf Teufel komm raus. Hier zählt nur, wie viel Tonträger verkauft die Band X, was verdiene ich damit. Die Leute werden einfach manipuliert, als Künstler bist du nur ein Produkt, der Mensch zählt nicht. Und so ist letztendlich unsere Gesellschaft nur ein Spiegelbild der Manipulationen der Werbeindustrie. Wir sind auf dem besten Wege unsere eigene Identität zu verlieren.

Musiker durch und durch

Red: Das klingt sehr pessimistisch, hast du überhaupt noch Spaß daran, Musiker zu sein?
Dave: Trotz dieser negativen Auswüchse, ich bin mit Leib und Seele Musiker. Wenn ich auf Konzerten sehe wie sehr sich die Fans auf Monster Magnet freuen, dann läuft mir noch immer ein kalter Schauer den Rücken runter. Von den Fans bekomme ich die Bestätigung für meine Arbeit und meine Musik, das macht mich glücklich. Das ist es was zählt, das Business als solches werde ich sicherlich nicht ändern können. Doch, ich habe noch jede Menge Spaß daran, Musik zu machen. So lange ich noch genügend Song- und Textideen habe, solange wird es mich als Künstler geben und damit auch Monster Magnet.

Jedem seinen eigenen Ruin

Red: Musiker und Drogen sind sehr oft eine Einheit. Wie sieht’s denn damit bei dir aus?
Dave: Eines der Klischees über Monster Magnet ist ja, dass wir Drogenmusik machen. Ich persönlich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich lange Zeit recht intensiv alles möglich geschluckt habe. Das Album Dopes Of Infinity sagt ja einiges aus. Mittlerweile bin aber recht clean, nehme ab und zu mal was zum Schlafen. Abhängig davon bin ich aber nicht. Jeder Mensch macht seine Erfahrungen, mir hat dieser ständige Drogenkonsum auch klar gemacht, dass ich, wenn ich so weitergemacht hätte, irgendwann meine Kreativität verloren hätte, mal ganz abgesehen von meinem körperlichen Ruin.

Ich brauch’ das Zeug nicht um ordentliche Musik machen zu können, ich bin schon so abgehoben genug. Wer meint Drogen nehmen zu müssen, um kreativ sein zu können, der soll es tun, wird aber genau wie ich eines Tages merken, dass er sich auf eine immer schnellere Fahrt zum Abgrund bewegt. God Says No ist jedenfalls ohne Drogen entstanden, auch wenn ein Song wie „Heads explode“ sich mit dem Spaß an Drogen beschäftigt.
Aus der Sicht einer Frau

Red: Wie kam es eigentlich zu dem Song „Queen Of You“, der ja aus der Sicht einer Frau geschrieben ist?
Dave: Für mich war das eine Herausforderung, denn wir Männer neigen dazu, die Dinge meist nur aus unserer männlichen Sicht zu sehen. Diese Gesellschaft ist nach wie vor – gerade in der sogenannten zivilisierten Welt – doch sehr mannorientiert. Jeder weiß, dass mich Frauen anmachen, warum also nicht mal den Spieß umdrehen und als Mann einen Song aus dem Blickwinkel einer Frau schreiben?

photocredit:By Gripweed (Own work) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

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